Geister in Hart - Sagen und Schwänke aus dem Zillertal


Die „Hartberger Hex“ (wir berichteten) war nicht die einzige Plage, unter der das Dörflein und die ganze Gemeinde zu leiden hatten. Daneben gab es nämlich noch eine Unmenge von Geistern, die den Bewohnern arg zu schaffen machten. Sie trieben sich besonders gerne an einsamen und unheimlichen Orten herum und machten die Leute ein übers anderemal grausen. 

So bei der alten Föstlmühl, beim Wöxlkreuz, bei der Eggermühl, beim Ölberg auf der Heinsleteralm, auf der Bachleralm, beim Steinachkreuz und auf dem Helfenstein endlich die sogenannten „Puchlmander“, von denen wir später noch mehr hören werden. 

Natürlich taten nicht alle Geister den Hartern nur Tücke an. Manche unter ihnen waren auch ganz harmlos, vielleicht arme Seelen, denen die ewige Ruhe versagt blieb. Aber ungemütlich war es halt doch, wenn man ihnen begegnete, weil einem so ein Geist doch allemal einen gehörigen Schreck einjagt.

So wird erzählt von einigen Leuten, die oft spät nachts an der Föstlmühl vorübergehen mussten, dass sich unter viel Gepolter das große Mühlrad gedreht hätte, obwohl das Wasser abgeleitet war. 

Beim Wöxlkreuz soll in manchen Nächten eine vermummte Frau gesessen und geweint haben.

Ein alter Holzknecht ging einmal während der Perchtenzeit mit den Masken, setzte sich dazu eine fürchterliche Larve auf, um die Leute recht grausen zu machen und begab sich also auf den oberen Kleinhartberg. Als er aber auf seinem Heimweg spät in der Nacht an der Eggermühl vorbei kam, da gewahrte er einen in langen weißen Tüchern eingehüllten Mann, der eben aus der Mühle trat und hinter ihm herging mit riesengroßen Schritten. Die Gestalt hatte aber auch eine fürchterliche Länge von einundeinhalb Klaftern (1 Klafter 1,89 m). Da bekam es unser Maskenträger dann doch selber mit der Angst zu tun, in die er die anderen vorerst versetzt hatte, tat einen Satz und lief den Berg hinab, so schnell er nur konnte. Der Geist aber war nicht weniger flink und rannte hinter ihm drein und kam ihm zusehends näher.

Als er ihn schon fast erreicht hatte, da fiel dem Holzknecht gerade noch die Geisterbeschwörung ein, die er gleich während des Laufens hersagte und auf diese Weise den Geist zurückbannte zur Mühle.

Beim Ölberg war hin und wieder in düsteren Nächten die Totentruhe eines Kindes zu sehen, die, weil man dazumal die Särge noch nicht schwarz anstrich, weithin als weißer Fleck zu bemerken war.

Da soll nun einmal in der Nacht ein Bäuerl auf dem Heimweg am Ölberg vorübergekommen sein und den Sarg gesehen haben. Schon dachte er ans Davonlaufen, da fiel ihm aber ein, dass man damit bei einem Geisterwesen gerade das Gegenteil von dem erreicht, was man eigentlich will: der Geist gewinnt dann nämlich Macht über den Menschen, „er kann ihm zu“, wie es im Volke heißt.

Ehe aber das Bäuerl noch dazu kam, die Geisterbeschwörung herzusagen, begann sich der vermeintliche Sarg zu bewegen und verschwand im nahen Wäldchen. Es war nämlich nichts anderes gewesen als ein Schäflein auf der Weide.

Bei der Alphütte auf Heinslet ging einmal im Spätherbst mitten in der Nacht ein Jäger vorbei. Da sah er die kleinen Hüttenfenster erleuchtet und hörte im Inneren des Raumes ein Geräusch. Da sich um  diese Zeit kein Mensch mehr auf der Alm befindet, wunderte er sich sehr darüber, trat näher und spähte durch das Fenster. Und da konnte er ganz deutlich sehen, wie sich der Butterkübel unentwegt drehte, ohne von irgend jemandem angetrieben zu werden. Ähnliches wird auch von der Bachleralm berichtet.

H. Wurm sen. Hart im Z.

(aus SAGEN, BRAUCHTUM & MUNDART IM ZILLERTAL - Erich Hupfauf 1956)