1945 – Es lag alles im Argen, so auch der Fremdenverkehr und seine touristische Organisation. Unmittelbar nach dem Kriegsende hatte man aber zuerst ganz andere Sorgen als den Fremdenverkehr. Die Trauer um die Gefallenen, das Bangen um die Heimkehr der Soldaten und die Not auf allen Gebieten ließ nur allmählich zu, dass man sich wieder mit der Lebensgrundlage des Ortes – dem Fremdenverkehr – und mit seinen Bewohnern beschäftigte. Was heute in einigen Sätzen abgetan wird, war viel schwieriger und komplizierter als man sich das heute vorstellen kann.
Doch man konnte noch von Glück reden, dass unser Mayrhofen und sein weiteres Umfeld keine Kriegsschäden abbekommen hatten.
Dazu kam, dass Österreich besetzt war und fast alle Genehmigungen den Besatzungsmächten unterworfen waren. So hatten die Amerikaner und danach die Franzosen in Mayrhofen fast alle Gasthäuser, Hotels und Pensionen besetzt und an einen Tourismus war somit vorläufig nicht zu denken. Die Lebensmittelversorgung stand im Mittelpunkt, alle Schwierigkeiten des täglichen Lebens.
Im Frühjahr 1947 häuften sich plötzlich die Anfragen von Urlaubern aus Wien und anderen österreichischen Städten. Bei aller Würdigung der Erholungsbedürftigen war es doch empfehlenswert sich Zusagen gut zu überlegen, wenn man das magere Frühstück aus Malz- oder Feigenkaffee mit Magermilch nicht mit den Gästen teilen wollte, und man fragte sich, ob der sehnlichst erwartete Gast damit überhaupt zufrieden wäre.
Zwei Mayrhofner Männer, Bürgermeister Franz Kröll und Dr. Erich Raitmayr, waren es, die sich am Wiederaufbau des Fremdenverkehrs besonders verdient gemacht haben. Ihre grundlegende Erkenntnis war, dass man die „Fremdenverkehrsgesinnung“ bei der einheimischen Bevölkerung wieder wecken müsste. Kommerzialrat BM Franz Kröll berief daher die öffentliche Gemeindeversammlungen ein, um der Mayrhofner Bevölkerung ins Gewissen zu reden, sie aufzufordern sich gegenseitig zu verzeihen und zu vergessen, politische Gesinnung außen vor zu lassen, zusammenzuhalten und am gleichen Strang zu ziehen. Er forderte Jung und Alt auf, mitzuarbeiten und für unser Mayrhofen den so wichtigen Fremdenverkehr wiederzubeleben.
Immer wieder richtete sich Raitmayr von 1947-48 in Artikeln des Lokalblattes Heimatstimme an die Mayrhofner Bevölkerung. Es ging ihm um Schaffung einer umfassenden Haltung der Gastfreundschaft, die über bloße Beherbergung hinausreichen sollte. Er wurde nicht müde mitzuteilen, dass „der wahre Wert im persönlichen Einsatz liegt, im aufrichtigen Willen „Fremden“ ein Willkommen zu bereiten, auch wenn die Umstände alles andere als einfach sind“.
Ende 1948 zeigte sich, dass sich etwas verändert hatte: Die Bemühungen um Gastfreundschaft hatten erste Früchte getragen. Zwar war noch nicht alles so wie vor dem Krieg, doch der Fremdenverkehr lebte wieder, nicht nur in den Gasthöfen und Privatzimmern, sondern auch in den Herzen der Menschen. Was in den Jahren 1947/48 geschah, war mehr als nur ein Wiederaufbau eines Wirtschaftszweiges. Ein leiser beharrlicher Aufbruch war spürbar gewesen, getragen von der Erkenntnis, dass echte Gastfreundschaft mehr bedeutet als ein gedeckter Tisch. Gastfreundschaft ist ein Zeichen für den Wunsch nach Frieden, nach Verbindung und gegenseitigem Vertrauen in einer Zeit, in der alles auf Anfang steht. Genau diese Einstellung war notwendig um den Aufschwung in Mayrhofen zu beflügeln.
Das Landesfremdenverkehrsgesetz vom 29. Mai 1949 schuf sodann die erneute Voraussetzung für eine geordnete Struktur in der Verwaltung der Verbände. Der Verkehrsverein Mayrhofen wurde am 31. August 1949 wieder neu gegründet. Erster Obmann wurde Dr. Erich Raitmayr, der diese Funktion bis 1968 innehatte. Verkehrsverein und Gemeinde bündelten ihre Kräfte und Strategie für die Werbung. Anspruchsvolles Photo- und Prospektmaterial wurde gezielt eingesetzt. Die Bundesmusikkapelle, Nationalsänger und Schuhplattler von Mayrhofen wurden auf zahlreiche Werbereisen und bis zu zehntägigen Tourneen in die Schweiz, Deutschland, Niederlande und Frankreich geschickt, auf denen tausende Mayrhofner Prospekte verteilt wurden und die Zillertaler Kultur hinausgetragen wurde. Diese Werbereisen waren sehr erfolgreich; überall wurden die Mayrhofner mit großem Jubel empfangen, sodass ein großer Anteil zum Erfolg, zur Wiederbelebung des Fremdenverkehrs, diesen Gruppen zuzuschreiben ist.


