Wie es zum Bau des ersten Fahrweges ins Tuxertal kam


Vor 150 Jahren, nämlich 1870, wurde ein Landesgesetz erlassen, das den Ausbau von Konkurrenzstraßen, die so genannten Fahrwege, zu genehmigen sei, um damit eine bessere Erschließung der Seitentäler zu ermöglichen. Nur Hauptstraßen waren im damaligen Straßenkataster als Bundes- und Landesstraßen enthalten und deren Bau sowie Erhaltung finanziert. Die Errichtung von Konkurrenzstraßen sowie deren Erhaltung waren Aufgabe der betroffenen Gemeinden.

Von der Verwirklichung dieser neuen Gesetzeslage bis zur Planung und Bau eines Tuxer Fahrweges war es noch ein langer und steiniger Weg.

Im Tuxertal wohnten zu der Zeit zirka 1.500 Menschen, die zum größten Teil von der Landwirtschaft lebten. Die erzeugten Produkte mussten auf dem Rücken der Menschen oder mit Saumtieren auf schmalen und vielfach gefährlichen Wegen zum Markt gebracht werden. Zum Großteil natürlich nach Mayrhofen, aber auch übers Geiseljoch oder ins Wipptal. Notwendige Gegenstände, Lebensmittel und Gebrauchsartikel für den täglichen Bedarf wurden auf dem Rückweg mitgenommen. Von diesen Verhältnissen und Schwerarbeiten kann sich heute wohl niemand mehr eine Vorstellung machen.

Einen Kornanbau gab es nur in Finkenberg. In Tux konnte nur in sonnigen Lagen Gerste angebaut werden. So mussten Mehl und Kornprodukte vor Ort geliefert werden. Zudem wurden auf den Tuxer Almen 1.500 bis 2.000 Stück Vieh aufgetrieben und allein der Bedarf an Viehsalz bedurfte viele Traglasten. Es gab wohl wenige Menschen auf diesen Wegen, die nicht mit einem Rückenkorb, einer Kraxe oder einem voll gepackten Rucksack unterwegs waren. Bötinnen und Boten sowie Tragtier-Führer waren täglich unterwegs, um die Bevölkerung des Tales mit allem Notwendigen zu versorgen. Die auf den Almen und Höfen erzeugten Produkte mussten ins Tal gebracht werden. Es existieren Aufzeichnungen, dass jährlich 170.000 bis 180.000 Kilo Butter und Käse sowie ebensoviel Lebensmittel in das Tuxertal hinein befördert wurden.

Eine der legendärsten und längst dienenden Bötinnen wird wohl „Fosser Menal“ gewesen sein. Sie besaß mit ihrer Schwester ein kleines Geschäft. Dieses lag auf dem Weg nach Lanersbach, nicht weit vom Kapellerwirt. Bis ins hohe Alter, als es schon lange einen Fahrweg gab, hat sie noch einen Teil ihres Bedarfes täglich in Mayrhofen abgeholt. Manche sagten, der Fuhrlohn wäre ihr zu hoch, sie aber behauptete, das Getrotter auf den Pferdewagen würde ihren Produkten schaden.

„Eine Ironie des Schicksals“: Fossar Menal wurde im hohen Alter bei einem Verkehrsunfall auf der neuen Tuxerstraße so schwer verletzt, dass sie leider an diesen Folgen starb.

Und nun zum schwierigen Weg, bis es zur Planung und den Bau eines Fahrweges ins Tuxertal kam. Im hinteren Zillertal gab es damals schon einen verhältnismäßig regen Tourismus.  Durch die vielen Bergsteiger, Steinsucher und Jagdgäste stieg die Anzahl der Touristen merklich. Die schöne Bergwelt machten das Zillertal interessant, besonders die hinteren Regionen und Seitentäler. Hintertux hatte zusätzlich etwas Besonderes zu bieten. Auf dem Weidegrund der Familie Kirchler entspringt eine Thermalquelle. Ein Heilwasser, das mit einer Temperatur von 18° Celsius aus dem Boden quoll und ungefähr der Qualität des Bad Gasteiner Heilwasser entspricht. Dieses Heilbad erfreute sich regen Zuspruchs.

Im Jahr 1909 fanden dann die ersten Sitzungen und Planungsbesprechungen über die Beteiligungs-quoten der einzelnen Bauträger statt, und da tauchen schon die ersten Schwierigkeiten auf. Der Vorschlag lautete, dass Mayrhofen 19 %, Finkenberg 28%, Tux 41 % und die Fraktion Hintertux-Schmirn 12% der Baukosten tragen sollten. Mayrhofen war dagegen mit dem Argument, ihr Anteil wäre zu hoch. So herrschte wieder einige Zeit Stillstand. Am 19. September 1910 war es dann endlich so weit. Der erste Vorschlag über den Quotenschlüssel wurde vom Landesausschuss aufoktruiert, das heißt, die Quote wurde gesetzlich beschlossen. Es folgten natürlich noch viele Sitzungen, da über jede Kleinigkeit zwischen den Gemeinden verhandelt werden musste.

Aber im Frühjahr 1911 wurde mit dem Bau begonnen. Der Straßenausschuss stellte an die Gemeinde Finkenberg den Antrag, das Bauholz für die Zemmbachbrücke und ebenfalls das Schalholz für die Rosengartenbrücke zu stellen. Die Firma Hotter „Gachtn Keidl“ bekam den Auftrag zum Bau der Zemmbachbrücke. Der Baufortschritt ging rasch voran, sodass am 12.6.1912 der Fahrweg in Tux schon beim Staudenhäusl und in Finkenberg bis zum Weglerbauer fertig war. Die „Tuxer Chronik“ vermerkt, dass der Fahrweg im späten Frühjahr 1913 soweit gebaut war, dass er mit Ross und Wagen befahren werden konnte.

Am 29. Juni, damals noch der Feiertag Peter und Paul, war es endlich soweit. Alois Mariacher befuhr mit seinem Stellwagen das erste Mal den neuen Fahrweg. „Hoi derdeifacht, dos gibs nid“!  Branntwein Lois, den Älteren besser bekannt als „Post Lois“, machte mit einer Achtsitzer Kutsche seine erste stolze Fahrt. Neben ihm saß seine Lodin (Verkäuferin), die zum Arzt musste. Mit vier Rösser, zwei Mulis, einer Viersitzer-Kutsche, einer Zweisitzer-Kutsche und einem Stellwagen nahm er seinen Fuhrbetrieb auf. Der Zuspruch war groß, er musste täglich zweimal die Strecke Tux – Mayrhofen und retour bewältigen. Das Fahrgeschäft lief gut, die Tuxer und Finkenberger riefen dem Lois zu: „Lois, halt dich tapfer, dass nicht die Mayrhofner kommen“, die immer gegen diesen neuen Fahrweg waren.

Die Geschichte des Fahrweges wurde bis Mitte der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts geschrieben, denn dann kamen die ersten motorisierten Fahrzeuge ins Zillertal und so musste der Fahrweg einer Straße weichen. 

„Über den Weg bis zur Straße ins Tuxertal“ handelt der 2. Teil des Rückblickes über die Mobilität im hinteren Zillertal.  

Sepp Rauch aus Zell