Sagen und Schwänke aus dem Zillertal


Nun wollen wir uns einmal den nächsten Grund ein wenig anschauen. Ist ja ein völlig wildromantisches Tal, das der Stillupbach durchtobt.

Aber heute dürfen wir uns nicht aufhalten lassen von dem Zauber der uns umgebenden Natur, von der nachtdunklen Schlucht und den schäumenden Wassern oder den sonnenübergoldeten Weiden, auf denen der Frauenschuh und „Goldäpfel“1 blühen; denn wir haben noch einen langen Weg vor uns. Ganz hinein müssen wir bis fast zum Talschluss, dort wo die Sonne im Winter wie eine mattblinkende Scheibe über das blauweiße Löffler-Kees gleitet. Dann erst sind wir am Ziel unserer heutigen Wanderung, einer kleinen, seit geraumer Zeit verlassenen und daher fast gänzlich zerfallenen Almhütte.

Es mag wohl lang her sein, da saßen einmal drei Melcher am Abend in der Stube beim Schmalzmus. Junge, kraftstrotzende Burschen waren es, denen der Übermut im Gesichte stand. Nach dem Essen stand der Jüngste auf, zog sein Stichmesser und machte sich an einem großen Stück Zirbelholz zu schaffen, das er sich am Nachmittag geholt hatte im nahen Walde. Auf die neugierige Frage der anderen, was er damit vorhabe, erwiderte er lachend: „An Hoanzn 2 schnitzn!“ Da ging das Gespötte los über das kleine, scheue Volk in den Bergen. Derbe Spässe und frevelhafte Reden kreisten in der Stube, und nicht einmal die „Wilden Fräulein“ und Almwichteln, von denen Menschen und Vieh nur Gutes erfuhren, blieben verschont von den höhnischen Worten der Melcher.

Da kam plötzlich durch die Hüttentür ein steinaltes Kasermandl mit langem, eisgrauen Barte und bat um ein warmes Nachtlager in der Stube; denn vom Ferner heraus pfiff ein eiskalter Wind und es sah ganz danach aus, als ob er über Nacht ein paar Arme voll Schnee auf die Alm werfen wollte.

Da sprang der Kaser auf, nahm das Mandl zwischen die Knie und strich ihm mit dem hölzernen Löffel das übriggebliebene Mus ein. Der Almputz wehrte sich aus Leibeskräften, aber er vermochte nichts auszurichten gegen den bärenstarken Loter, der ihn mit eisernem Griff am Barte festhielt. Da begann er zu betteln: „Lass mi aus, i mag koa Muas, mei Kost isch Speik und Rautenblüah!“

Doch es half nichts, er musste die Pfanne leeressen. Dabei lachten und höhnten die Melcher, dass es eine Art hatte. Erst als das Mus zu Ende war, ließ der Kaser das Mandl wieder los, und wie der Jochwind fuhr er zur Tür hinaus.

In der nächsten Nacht aber, als die Melcher bei einem kleinen Öllichtlein in ihren Schlennen lagen und wiederum ihre gottlosen Reden führten, da hörten sie ein Gepolter um die Hütte wie von zornigem Donner. Gleich darauf schlug eine grollende Stimme an ihre Ohren: „Den eachtn find i, den zwoaten schind i, den dritten stöck i in an Sechtr und wirf`n himmelhoach ibach Hüttndach!“

Und die Türe sprang auf. Stierwild und feurig stand der Almputz in der Kammer und war so groß, dass er sich ducken musste unterm Gebälk. Mit zwei Schritten stand er vor dem Heulager der drei angstschlotternden Burschen und griff nach dem ersten, den er teuflisch würgte. Dem zweiten aber zog er die Haut bei lebendigem Leibe über den Kopf, und den dritten endlich zwang er in einen Milchsechter hinein und warf ihn über das Hüttendach, dass er mit zerschmetterten Knochen weit unten auf einer Felsplatte liegen blieb.

Daher also hat die verfallenen Hütte ihren gruseligen Namen, den sie heute noch trägt.

Nach einer anderen Fassung soll der Melker den geschnitzten Hoanzn an den Tisch gesetzt  und gesagt haben: „Huanzl, friss, sischt schlag i di achn iwang Tisch!“ und der geschnitzten Holzfigur mit dem Löffel einen Patzen Mus ums Maul geschmiert haben. In derselben Nacht aber sei dann der erzürnte und durch das Schimpfwort „Huanzl“ beleidigte Almgeist gekommen und hätte die vorwitzigen Burschen - wie oben - bestraft. 

Kinder der VS Mayrhofen

(aus Sagen, Brauchtum & Mundart im Zillertal von Erich Hupfauf)

1 Name für Türkenbundlilie (Lilium Martagon)

2 Auch Huanzn, Huanzl