Menschenschicksale: Ostarbeiter im hinteren Zillertal

Hochzeit mit Raimund im Mai 1958.

Maruschka mit ihrer Firmpatin.


Sepp Rauch erinnert sich an Begebenheiten über Menschen und deren Schicksal in einer sehr schlimmen Epoche des zwanzigsten Jahrhunderts - die Kriegsjahre 1941 bis 1945. Schicksale und Tragödien über Hunderttausende Ostarbeiter aus Russland. - Teil 2

Im Gasthaus Persal, beim Noalwirt, beim Dornau Bauern waren es junge Frauen, beim Sägewerk Stock und beim Brander Bauern Männer. Der Metwed beim Sägewerk war ein ausgezeichneter Pferde-Fachmann, ein richtiger Kosak und ein guter Rossknecht. Ein Arbeiter namens Iwan verrichtete den Zwangsdienst beim Brander Bauern. Der konnte zwar nicht schreiben und lesen, aber nach einem Jahr sprach er den Tuxer Dialekt, als wäre er in Tux geboren worden. Diese sind mir am besten in Erinnerung geblieben.

Bei meinem Großvater in der Gamsgrube, Dornauberg, waren zwei Zwangsarbeiter zugeteilt. Eine Frau namens Olga und ein Mann mit dem Namen Josef, beides Menschen, die sich viele unserer Mitbürger als Vorbild nehmen hätten können. Der „Nene“ war schon mehr als 80 Jahre alt und hatte bald festgestellt, dass ihm durch die Zuteilung großes Glück widerfahren ist. Es blieb ihm nicht verborgen, dass sich zwischen den beiden mehr als eine Freundschaft entwickelt hat.  Josef war ein guter Knecht, der von der Landwirtschaft etwas verstand, und Olga meisterte den Haushalt und war eine gute Hilfe bei der Feldarbeit. Sie umsorgte die beiden Männer zur vollsten Zufriedenheit. Der „Nene“ merkte rasch, wie erwähnt, dass die beiden etwas mehr als nur die Arbeit verband. Er hätte dies gleich melden oder unterbinden müssen. Er jedoch drückte beide Augen zu und gönnte diesen jungen und fleißigen Menschen ihre Gemeinsamkeit. Es gab für diese beiden so manche Schwierigkeiten und man wollte sie trennen, aber der „Nene“, dieser alte und sehr resolute Mann, konnte für seine Schützlinge eine Lösung finden, auch wenn seine Aussagen nicht immer der Wahrheit entsprachen und so Josef und Olga schützen.

Doch nun zu einem der wenig erfreulichen Fälle. Maruschka Wowk, am 05.10.1925 in Kulschinki in der Ukraine geboren, kam im Herbst 1941 als Ostarbeiterin zum Diggl Bauern als Hilfskraft in den Dornauberg. Es muss für diese Sechzehnjährige furchtbar gewesen sein. Jemand, der noch nie in seinem Leben einen Berg gesehen hatte, sollte nun auf den steilen „Leiten“ des Digglhofes arbeiten und das Vieh versorgen. Die Flachländerin hat sich vor diesen steilen Bergen mehrmals gefürchtet und hier sollte sie nun arbeiten. Aber allen Kummer, Heimweh und Leid musste sie verdrängen, um mit dem ihr auferlegten Schicksal fertig zu werden. Herbst, Winter und Frühjahr arbeitete sie am Hof und im Sommer war sie auf der Berliner Hütte, die von der Diggl-Familie bewirtschaftet wurde. Im Sommer 1943 hat sie dann hier ihren späteren Gatten kennengelernt. Raimund Hörhager war als Soldat auf Heimaturlaub. Bei einem Ausflug auf die Berliner Hütte haben sich die beiden kennengelernt und den ersten Schritt für ein langes, gemeinsames Leben gemacht, der damals strengstens verboten war. Der Krieg ging zu Ende, Raimund kam nach Hause und die beiden jungen Menschen haben trotz aller Schwierigkeiten und der vielen Anfeindungen zusammengehalten. Damals war man der engstirnigen und irrigen Meinung, ein renommierter Bauer und eine „Ukrainerin“ können doch keine Lebensgemeinschaft aufbauen. Aber sie haben allen zum Trotz in Liebe zueinander gehalten. Am 23. Mai 1953 wurde ihnen ein Stammhalter, der Sohn Rudolf geboren. Doch an eine Heiratserlaubnis war noch immer nicht zu denken. Erst im Mai 1958 durfte die Maruschka unter ihrem deutschen Namen „Maria“ ihren Raimund heiraten. Sie wurde die stolze, allseits beliebte, gastfreundliche „Tolast Bäurin“. Am 4. April 1959 wurde ihnen noch die Tochter Carla geboren, ein Mädchen hatte ihnen noch gefehlt. Im Juli 1990 erlebte sie noch eine freudige Überraschung. Ihr Bruder hat sie über das „Internationale Rote Kreuz“ ausfindig gemacht und war mit seiner Familie in Dornauberg auf Besuch. Eine Einladung, noch einmal in ihre alte Heimat zu reisen, hat sie aber nicht angenommen. Vielleicht war es eine gewisse Angst, denn einmal haben sie zwei Russen besucht und wollten sie überreden, nach Hause zu kommen.

Bei Kriegsende, im Mai 1945, haben diese jungen Menschen Freudenfeste gefeiert und getanzt in der Erwartung, dass sie bald ihre Heimat und ihr Elternhaus wiedersehen würden. Diesen jungen und bedauernswerten Menschen wurde nicht nur die Jugendzeit gestohlen, sondern sie haben auch ihre Heimat und das Elternhaus verloren, und eine Frage bleibt, warum?

Die meisten dieser Ostarbeiter wurden wieder in Transportzüge gepfercht. Das Reiseziel war aber nicht ihre Heimat, wie anfänglich versprochen, sondern Straf- und Vernichtungslager hinter dem Ural in Sibirien. Aussagen heimgekehrter Kriegsgefangener, die in solchen Lagern fünf und mehr Jahre verbringen mussten und zwangsarbeitsbedingt Kontakt zu solchen „Rückkehrern“ bekamen. Zum Beispiel ein Nachbar, der Ende 1948 heimkehrte und ein Verwandter meiner Frau, der zu 25 Jahren Straflager verurteilt wurde und dem 1951 die Flucht in die Heimat gelang, erzählten Furchtbares. Sie hatten mit Häftlingen aus solchen Straflagern, wo auch diese Ostarbeiter gelandet und inhaftiert wurden, viel Kontakt. Sie mussten feststellen, dass es diesen Unglücklichen noch weitaus schlechter ging als den österreichischen und deutschen Kriegsgefangenen.

Es stimmt mich heute noch oft traurig, wenn ich an diese mir gut bekannten und lieb gewonnenen Menschen denke. Es werden wohl kaum noch welche am Leben sein, geschweige denn ihre Lieben und ihre Heimat noch einmal gesehen haben. 

„Aber der  Herrgott wird sie sicher in ein besseres Jenseits aufgenommen haben, und er möge ihnen die ewige Ruhe schenken, was ihnen auf dieser schnöden Welt nicht vergönnt war“!

Sepp Rauch aus Zell