Harte Schale - Weicher Kern

Die 2 Jäger Hermann & Lois

Vater Johann „Honis“ Anfang wurde 99 Jahre alt.


Die Familie Anfang mit ihren fünf Kindern, Hermann, Moidal, Ignaz, Lois und Willi hatten es sowieso schon schwer genug, sie hatten mehrere schwere Schicksalsschläge durchgemacht.  Der schlimmste Schlag traf sie aber, der jüngste Sohn Willi war gerade erst ein paar Monate alt, als die Mutter sehr früh starb. Ein solcher Schicksalsschlag ist wohl das Bitterste was in einer Familie passieren kann. In den ersten Jahren hatten sie eine alte Frau im Haus, die die Wirtschaft führte und die versuchte, diesen armen Kindern eine Ersatzmutter zu sein. Als diese Frau ebenfalls verstarb, hatte der Vater Honis nicht das Geld, um sich eine Haushälterin leisten zu können und so musste die Schwester Moidal,  obwohl selbst noch ein halbes Kind, diese Arbeit so gut wie möglich verrichten.

Die Buben wuchsen heran und handelten sich bei manchen Menschen den Ruf ein, ziemlich harte und raue Gesellen zu sein. Sie gingen keinem Raufhandel aus den Weg und blieben auch meist die Sieger. Sie rauften nicht aus reiner Rauflust, sondern haben auch Schwächeren, die sich selbst nicht helfen konnten aus der Patsche geholfen. Als einer der mit ihnen aufwuchs und mit ihnen gemeinsam zur Schule ging, habe ich auch die andere, gute Seite dieser „Jogilar-Kinder“ zur Genüge kennen gelernt. Sie waren alle sehr naturverbunden, was sie von ihren Vater mitbekommen haben. Eine große Leidenschaft, speziell von Hermann und Lois war die Jagd. Jagdberechtigung hatten sie natürlich keine und so gingen sie des Öfteren mit dem Stutzen in den Wald, um den Essenstisch mit etwas Fleisch, das zur damaligen Zeit eine Seltenheit war, zu bereichern. Sie kamen aber nie mit dem Gesetz in Konflikt.

Das war vielleicht der Grund bei der zuständigen Forstbehörde, dass sie nach abgelegter Jagdprüfung als Berufsjäger Anstellung fanden.  Ihre Schwester Moidal heiratete den „Oberegger Bauern“ von

Astegg, Naz wurde zu Hause Bauer und der Jüngste Willi war bis zu seiner Pensionierung in der Landwirtschaft tätig. Alle fünf waren verheiratet,  hatten eine Familie gegründet und sich ein eigenes Heim geschaffen. Alle wuchsen zu geschätzten, anständigen und beliebten Menschen heran.

Nicht ohne einer nette Episode möchte ich die Geschichte dieser „Jogilar Mander“ abschließen.

Um ihre Naturverbundenheit zu dokumentieren, bleibt mir eine Begebenheit besonders in Erinnerung. Mutterlose Wildtiere und Vögel haben sie des Öfteren aufgezogen und haben sie dann, wenn der Freiheitsdrang zu groß war, wieder in die freie Natur entlassen. Aber ein Erlebnis ist wert niedergeschrieben zu werden. Einmal haben sie einen jungen Raben aufgezogen. Dass er ihnen nicht weg fliegen konnte und trotzdem in Gottes freier Natur leben durfte, haben sie ihm von Zeit zu Zeit die Flugfedern gekürzt. Eines schönen Tages flatterte er zu uns in den Garten, ich war nicht zu Hause, ich hätte den Vogel erkannt. Aber nicht meine Mutter und die jüngeren Geschwister. Das war dem Vogel sein Pech. Damals ging man mit einem kranken Tier nicht zum Tierarzt, auch ein Tierheim gab es nicht. Kranke Tiere wurden auf einfache Art von ihren Leiden erlöst. Die Mutter hat diesen Flug untauglichen Vogel gefangen und ihm den Kopf abgehackt. Nach kurzer Zeit kamen die vier Brüder gelaufen, um ihren Vogel zu suchen. Die Mutter hat ihnen das Unheil gebeichtet, worüber sie natürlich erzürnt und böse waren. Um sie etwas zu besänftigen, hat sie meine Mutter für den nächsten Tag zum Mittagessen eingeladen, was sie gerne angenommen haben. Mutter hat einen großen Topf mit Nudelsuppe gekocht, einige Paar Würstl hinein geschnitten, das war ein Festessen, das sie von zu Hause nicht kannten. In kürzester Zeit war der Topf leer gegessen. Glücklich über das Mahl machten sie sich wieder auf den Heimweg und hatten den Verlust ihres Vogels etwas verschmerzt.

Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Mein Vater hatte für den nächsten Winter das Brennholz in Stöcke neben der Holzhütte gelagert, die auf das Hacken und Wegräumen warteten. An einem mondhellen Winterabend hörten wir einmal in der Küche Holzhacker-Geräusche. Wir gingen hinters Haus, wo die Geräusche herkamen und waren überrascht - alle vier Brüder waren mit einer Hacke bewaffnet und haben das ganze Brennholz für den nächsten Winter gehackt.

Die ist eine kleine Geschichte aus dem Leben dieser „Jogilar Mander“ denen oftmals, auf Grund ihrer Ruppigkeit, unrecht getan wurde. Menschen mit einer harten Schale, in der aber ein weicher und sehr guter Kern steckte. Dies war etwas, was ich an ihnen sehr schätzte, sie bleiben mir in lieber Erinnerung. 

Leider lebt keines mehr von diesen fünf Geschwistern, aber ihren Kindern und Enkeln soll es eine Erinnerung sein.

Sepp Rauch aus Zell