Der Klang der Alpen - von Tirol in alle Welt


Vor mehr als 200 Jahren wurde Tirol „Mode“, nicht nur wegen dem Lied „Stille Nacht“ sondern auch dank Alpensehnsucht und Andreas Hofer. Reisende Sängergruppen hatten im frühen 19. Jahrhundert bei ihren internationalen Konzertreisen neben Jodelliedern über Heimat, Liebe und Berge auch das heute wohl berühmteste Weihnachtslied im Gepäck. Dass danach die Musik der Region ein Export-Dauerbrenner blieb, ist in Tirol der Allianz mit dem frühen Tourismus zu verdanken. Der „lustige Tiroler“ - immer jodelnd und tanzend - ließ sich gut verkaufen, auch als Kontrastprogramm zum Schweizer. Dieser hatte die Berge zwar viel früher erschlossen, aber statt mit der Zuordnung „fleißig und findig“ mit dem Vorurteil „ernst und geizig“ zu kämpfen. 

Die Symbiose von Tourismus und musikalischer Volkskultur hat also eine lange Geschichte in Tirol und trieb verschiedenste Blüten: vom Nationalsänger über den Tiroler Abend bis zum volkstümlichen Open-Air-Konzert. Eines ist dabei nicht zu vergessen: Jede Blüte ist auch ein Beweis für die Kraft ihrer Wurzeln und damit ein Zeichen für die ungebrochene Anziehungskraft und den eigenständigen Charakter der traditionellen Musik unserer Region.

Und das soll auch die Ausstellung „Der Klang der Alpen“ zeigen. In über 30 Ausstellungsräumen werden schlaglichtartig Einblicke in die Chronologie der Erfolgsgeschichte der alpinen Musik geboten: Die ersten Sängerfamilien bauten auf den traditionellen Formen auf: Schnaderhüpfel-Singen, das Ländler-Tanzen, überlieferte Melodien, das Jodeln, bald die Zither. Allerdings war das Auftreten in einem Konzertsaal etwas völlig anderes als das Wirtshaus daheim - das ausländische Publikum verlangte nach einem abwechslungsreichen Programm und endlose Gstanzln in einem unverständlichen Dialekt hatten schnell ausgedient: das Jodeln war ja viel spektakulärer! Die Verbreitung von „Stille Nacht“ war wohl nur ein Nebenprodukt unzähliger Konzertreisen. Eines muss man den frühen Nationalsängern lassen - hier durften Frauen bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffentlich auf der Bühne auftreten. Internationale Kontakte und massentaugliche Musik lohnten sich, nicht zufällig waren viele der ersten Tourismuspioniere Tirols ehemalige Nationalsänger. Schon vor 1900 adaptierte man das Nationalsänger-Konzept auf Fremdenkonzerte daheim: Der Tiroler Abend war geboren. 

Die kommerzielle Verwertung von volksmusikalischem Allgemeingut hatte bald scharfe Kritiker, denn Volksmusik war immer auch ein Rückzugsort, vor allem in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche (ein Faktum, das Ideologien auch gerne ausnutzen). Als der Tourismus nach dem 2. Weltkrieg so richtig in Gang kam, eröffneten gleichzeitig das neue Medium Radio, die Schellack- und Schallplatten gänzlich neue Möglichkeiten. Die Aufbruchstimmung der 50er und 60er Jahre brachte neue Formen: den Musikfilm, den Schlager – ein Spiegel der damaligen Gesellschaft. Darauf folgten Glitzer, Glamour und goldene Schallplatten.

Was haben die heutigen Formen der alpinen Unterhaltungsmusik noch mit ihren traditionellen Ursprüngen gemeinsam? Und warum erleben wir aktuell eine Renaissance der Volksmusik? Wahrscheinlich ist es die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach der Natur, dem einfachen Leben und der Gemeinschaft.

Text: Dr. Sandra Hupfauf