Auf den Spuren bäuerlich-christlicher (Kapellen-)Kultur Teil II

„Mühltal Kapelle“

Gschwend

Kapelle in Perler


Wie bereits im 1. Teil in der Ausgabe Nr. 17 vom 23. April 2020 der Zillertaler Zeitung erwähnt, galt es einen längst gehegten Wunsch zu verwirklichen, nämlich einige der vielen Kapellen im Hippacher Ortsteil Schwendberg aufzusuchen, angeregt durch die 2009 erschienene Broschüre „Wegkreuze, Bildstöcke und Kapellen im hinteren Zillertal“ von Hans und Andrea Gruber aus Mayrhofen. 

Nachdem es uns bereits bei der ersten ausgedehnten Wanderung am Schwendberg dank unserer ortskundigen Begleitung Maria und Robert gelungen war, die „Gschirr Kapelle neben der Goass`n Almhütte (Gschirr-Alm), weiters die Greiderer Kapelle und die Spielleitenkapelle aufzusuchen, planten wir die Fortsetzung dieser hochinteressanten Erkundung, natürlich zu Fuß und daher oft beschwerlich. Ich erwähnte im ersten Teile dieses Artikels auch, dass es ohne ortskundige Hilfe in dieser Region nicht ganz einfach möglich ist, die Kapellen aufzusuchen. Waren die Häuser und Höfe einzeln und in Gruppen im westlichen Mittelgebirge der Gemeinde Hippach früher vom Tal aus nur auf Fußpfaden erreichbar, so sind sie natürlich heute im Zeitalter der Mobilität durch Straßen erschlossen, viele Wege aber verschwunden und daher auch manche Kapellen auf Grund fehlender Wegweiser ohne örtliche Kenntnisse nicht so leicht zu finden.

Die uns noch letzten drei fehlenden Kapellen am Schwendberg hatte meine Frau im Visier, nämlich die „Mühltal Kapelle“ sowie die Kapellen in „Perler und Gschwend“. Also starteten wir am Sonntag, den 26. April 2020 mit dem Auto, parkten  bei der Horbergbahn und wanderten Richtung Mühltal zur „Zimmerhäusl-mühle“, den wir als Treffpunkt mit unseren Wanderbegleitern, besser Wanderführern Robert und Maria vereinbarten. 

Als erste Kapelle steuerten wir die geschichtsträchtige Mühltal Kapelle an, von der wirklich wenige Zillertaler wissen, wo sie hoch oben am  Kleinschwendberg zwischen den Gehöften Mühltalhof und Stanglhof (ehemaliger Schnitzlwirt) versteckt und unscheinbar angesiedelt ist. 

Da der Fußweg ins Mühltal auch vorbei am „Keilkellerwasserfall“ führt, entschlossen wir uns für einen Abstecher zum Wasserfall, gerade zu diesem Zeitpunkt auf Grund der Schneeschmelze ein grandioses Naturschauspiel. Bald zog es uns weiter in die Höhe und erreichten unser erstes Ziel, die „Mühltal Kapelle“ (1)

zwischen den beiden Gehöften, von außen nur noch schwerlich als Kapelle zu identifizieren. Aus der Broschüre „Wegkreuze, Bildstöcke und Kapellen im hinteren Zillertal“ von Hans und Andrea Gruber können wir entnehmen, dass dieses unscheinbare kleine Gotteshaus etwa um 1690 mit dem Bauernhaus erbaut wurde und somit wohl zu den ältesten Kapellen des Schwendbergs zählt. Den beiden Autoren aus Mayr-hofen kann man weiter entnehmen, dass die Kapelle mit einer Reihe von unglückseligen Ereignissen in Zusammenhang gebracht wird. „Vom Mühltalhof nahm die `Lutherisch- Evangelische Kirche` unter anderem ihren Anfang im hinteren Zillertal. Daraufhin musste der Bauer 1837 das Land verlassen. Vielleicht ist es aber dieser Kapelle zu verdanken, dass die Frau des Mühltalhofbauern mit ihren Kindern im Zillertal geblieben ist. Und vielleicht ist es der Kapelle zuzuschreiben, dass ein Sohn  dieser Familie zum Priester geweiht wurde, welchem später die Ehre zuteil wurde, Erzbischof von Brixen (Südtirol) zu werden.“ Auf diese Information in große Neugier versetzt, stöberte ich in meinem Archiv.

Mein umfangreicher Fundus in Bezug auf historische Aufzeichnungen generell sowie auch im Hinblick der leidvollen Ausweisung der „zum lutherischen Glauben neigenden Zillertaler“ gab mir Auskunft: Andreas Egger aus Inner-Gruben am Schwendberg und späterer Bauer zu Ober-Mühltal musste allein ohne seine Familie den Weg in die Fremde (Schlesien - heute Polen) antreten, weil sich seine Frau Anna (geb. Rieser) mit ihren neun Kindern weigerte, ihren Mann zu begleiten. Das jüngste Kind, Sohn Franz Egger, besuchte in Ginzling-Dornauberg die Schule (sein älterer Bruder Georg wirkte dort als Lehrer), kam auf Empfehlung seiner Heimatgeistlichkeit nach Brixen zur Absolvierung des Gymnasiums, studierte anschließend in Innsbruck und Rom und wurde 1860 zum Priester geweiht. Zwischen 1862 und 1868 Kooperator in Finkenberg und Fügen, anschließend Kooperator in Vinaders, Seelsorger beim Bau der Brennereisenbahn, Studienpräfekt und Professor im Priesterseminar in Brixen, Domkapitular, Päpstlicher Hausprälat, Dompropst, Weihbischof und ab 1912 Fürstbischof von Brixen. Bischof Egger war überall bekannt wegen seines anspruchslosen und heilmäßigen Lebenswandels.

Äußerlich ist die Mühltal-Kapelle noch unverändert, sowie zum Zeitpunkt des Erbauens. Allerdings war es notwendig, das Dach zu sanieren. Den Innenraum hat man versucht, mit Tapeten zu verschönern. Ein reich geschmückter Altar, ausdrucksstarke Bildtafeln, Madonna mit Jesuskind und  ein Kreuzweg regen an zur Andacht.

Beeindruckt über das Gesehene und Erlebte wagten wir in der Nähe eine kleine Pause mit Rast. „Wagten“ deshalb, weil - wir mussten weiter. Ein wirklich steiler Anstieg bis zum „Gasthof Bergrast“ und weiter zum „Greiderer“ stand uns bevor. Auf der „Zillertaler Höhenstraße“ weiter führte unser Weg zur nächsten Kapelle in Perler (2), unmittelbar neben der Volksschule. Die Aussicht über die Gemeinde “Hippach-Schwendberg“, dieser Gemeindename wurde 1955 eingeführt,  und über das übrige hintere Zillertal ist atemberaubend. Die Kapelle im Weiler „Perler“ (1.150 m

ü.d.A.) ist „Unserer lieben Frau vom Siege geweiht“. Besonders interessant auch ihre Geschichte: Am 15. Juni 1848 wurde der Innsbrucker Kaufmannssohn Augustin Raggl zum Priester geweiht und wurde bald danach dem Kuraten Posch von Hippach als Hilfspriester mit Schwerpunkt Seelsorgegebiet Schwendberg zugeteilt. Raggl stiftete aus seinem Privatvermögen (und mit großer Unterstützung  des Vitus Brandacher, Bauer zu Oberperler) die Kapelle zu Perler. Sie wurde am 22. Oktober 1849 eingeweiht.

Eine Viertelstunde hatten wir anschließend noch bis Gschwend (3). Unmittelbar nach Perler vorbei an einem wunderschön gestalteten Privatgarten mit vielen Blumenarrangements zur Begrüßung der Gäste, und  unterwegs noch einen netten Huagacht im „Corona-Abstand“ mit Einheimischen, dann war auch diese hinter anderen Gebäuden versteckte Kapelle im höchst gelegenen Weiler des Schwendbergs beim Bauer „Walcher“ gefunden. Die neu erbaute Kapelle ersetzt die alte Holzkapelle, die um 1810 errichtet wurde. Der einfach gehaltene Innenraum mit schönem barocken Altar lädt ein zur Andacht und zum Gebet. Der Bau wurde von den wenigen Bewohnern dieses Weilers finanziert.  Ebenso sorgen sie für die Erhaltung. 

Zufrieden über das stabile Wetter und der erfolgreichen Erkundung machten wir uns auf den Heimweg, wohl wissend, dass dieser noch gute zwei Stunden in Anspruch nehmen wird. Wie der „Zufall so spielt“, nahm ein Bus die vier müden „Kapellenwanderer“ mit bis zum Panoramahotel „Schwendbergerhof“. Dort trennten wir uns bedankend von unseren Begleitern Maria und Robert, denn sie mussten zu ihrem Haus in die andere Richtung. Wir aber, meine Frau und ich, stiegen ab bis zum Weiler „Traiting“, in manchen Karten liest man Treuting (da soll sich einer auskennen!) und wanderten über den einladend schönen Wanderweg von Hippach über Schwendau Richtung Mayr-hofen, erreichten über Leiten wieder Mühlen und den Parkplatz, wo uns das Auto für die Heimfahrt nach Hollenzen erwartete. Ein schöner Sonntag ging zu Ende. Ein großer Dank gebührt Robert und Maria. 

Andreas Gredler Literaturhinweis: a.)Wegkreuze, Bildstöcke und Kapellen im hinteren Zillertal - Andrea & Hans Gruber b.) F. Egger - „Glaubenseifer und Tragik der Zillertaler Auswanderer“ c.) Nachdokumentation zum Erinnerungstreffen „150 Jahre Zillertaler Auswanderer aus Glaubensgründen“ - Herausgeber Marktgemeinde Mayrhofen/Oberamtsrat Josef Wörndle