Wetter und Jahrhundertkatastrophen auch im Zillertal

April 1956 - Der schwere Regen der letzten Tage war der Grund für massive Überschwemmungen in Uderns.


„So etwas gab es früher nicht“!,  hört man immer wieder, wenn man heute über das Wetter spricht. Luftverschmutzung und Klimaerwärmung seien schuld! Einiges zum Nachdenken über das Wetter in der heutigen Zeit und Wesentliches aus Wetteraufzeichnungen der letzten Jahrhunderte möchte ich hier zu Papier bringen und damit aufzeigen, dass unsere Vorfahren  in diesen vielen Jahren weitaus Schlimmeres ertragen mussten.

Die letzte kleine Eiszeit dauerte vom 15. bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts und war begleitet von großen Hungersnöten, Krankheit,  Naturkatastrophen und leider auch Kriegen, von denen wir uns heute keine Vorstellung mehr machen können; ebenso von Heuschreckenplagen, Pest, Typhus, Schnee und Kälteeinbrüchen bis hin zu schweren Vulkanausbrüchen im Indischen Ozean, die bis in unsere Breiten zogen. Am schlimmsten war es am 28. August 1693. Am Nachmittag zogen aus Asien kommend dichte Heuschreckenschwärme über unser Land.  Der Himmel verdunkelte sich wie bei einem dichten Schneefall und innerhalb weniger Stunden hatten diese Insekten sämtliche Korn- und Feldfrüchte kahlgefressen. 

Diese angesprochene `kleine Eiszeit“ erreichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch einmal einen Höhepunkt und hatte unser Land und seine Bevölkerung schwer getroffen.

Im April 1815 brach auf der Insel Sumbawa (Indonesien) der Vulkan Tambor aus. Die Eruption war riesig, bis zu 140 Milliarden Tonnen an Gesamtmasse wurde ausgeschleudert. Fünf Kilo schwere Gesteinsbrocken fielen noch in 40 km Entfernung auf die Erde. Es sollte in den Jahrhunderten vor und nachher nie mehr so einen schweren Vulkanausbruch gegeben haben. Die Schwefelwolken zogen bis nach Europa und auch unser Land war davon schwer betroffen. 

Das war wohl auch die Ursache für die kalten und schneereichen Winter, die wieder zu großen Hungersnöten führten. Unzählige Menschen verloren in diesen Jahren durch Hunger und Kälte ihr Leben. Zu Lichtmess, 2. Feber 1793, blüten die Frühjahrsblumen, dann kam erst der Winter. In Tux wurde hinter der Kirche die Dachlawine den ganzen Sommer über nie aper. Das Jahr 1816 entwickelte sich als ein Hungerjahr sondergleichen. Schon der Sommer 1815 war mit 58 Regentagen extrem feucht, 1816 sollte es noch schlimmer kommen. Nur sieben Sonnentage wurden in diesen Sommer gezählt, wiederholt schneite es bis in die Täler herab.  Die sommerliche Durchschnitts-temperatur lag damals nur bei 14°C, es war der kälteste Sommer seit 1777, dem Jahr, seit es Wetteraufzeichnungen in Tirol gibt. Die Vegetationszeit war äußerst ungüns-tig und nasskalt, besonders in den Berggebieten herrschte Misswuchs und es waren schwere Ernteausfälle zu verzeichnen. In manchen Tälern fiel die Ernte zur Gänze aus. 

Auch der kommende Winter sollte überaus lang und hart werden. Am 1. Mai 1817 fuhren die Bauern mit Schlitten im Zillertal über den gefrorenen Schnee. Am 24. April, am Georgitag, als die Kundler ihren alljährlichen Bittgang zur Kirche nach St. Leonhard veranstalteten, lag der Schnee noch so hoch auf den Feldern, dass man nicht einmal die Zäune am Weg entlang sehen konnte. Doch Gott sei Dank hatte sich das Wetter stabilisiert, Frühjahr und Sommer kamen und es konnte noch teilweise ein späte, aber verhältnismäßig gute Ernte eingebracht werden.

Auch eine Pest- und Typhus-Epedemie suchte uns im frühen 19. Jahrhundert heim. Bei uns im Zillertal verstarben durch diese schreckliche Krankheit ca. 20 % der Bevölkerung.

Auch Kriege in kurzen Zeiträumen trugen immer wieder in kurzen Zeitabständen zu zusätzlichen Hungersnöten bei.  Der Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) war bezüglich Lebensmittelversorgung ganz schlimm. Der Viehbestand an Rindern sank in diesen Notzeiten bis zu zwei Drittel. Rindfleisch, Korn und Kartoffeln wurden für das Militär gebraucht, und in der Heimat fehlte es an allen Ecken und Enden.

In den größten Notzeiten kochten die Menschen in der Sommerzeit Gras, oder aßen auch roh. Viele verstarben durch diese oftmals giftigen Gräser. Brot wurde aus etwas Gersten- und Hafermehl, gemahlenen Baumrinden, Wurzeln und Heublumen gebacken.  Roggen - oder Weizenmehl war oftmals keines mehr vorhanden und wenn, so teuer, dass es sich die wenigsten leisten konnten.

Von all diesem Übel wurde unser Land und die Menschheit über Jahrhunderte heimgesucht. Aus diesem Grund sollen wir heute über kleinere oder größere Wetterschwankungen nicht gleich jammern und unzufrieden sein.

Bitten wir immer wieder unseren Herrgott, dass wir von solchen Heimsuchungen jeglicher Art verschont bleiben mögen. Jammern wir deshalb nicht so viel über das Wetter. Das Wetter, das allen Menschen immer passt, gibt es mit ziemlicher Sicherheit nie. Aber sagen wir nicht immer wieder: „So ein Wetter gab es früher nicht!“ Und so Gott will, mögen wir vor solchen Katastrophen immer verschont bleiben.

Sepp Rauch aus Zell